Normalerweise landen Promo-Cds von diversen Bands in meinem Briefkasten, letzte Woche dann die Überraschung. Kein neues Album, sondern das Hörbuch zu Hape Kerkelings Buch "Ich bin dann mal weg". Als jemand der häufiger mal lange Strecken im Auto fährt, bin ich ein grosser Fan von Hörbüchern und das Thema des Buches der
Jakobswegs finde ich auch sehr spannend und das obwohl ich nicht im geringsten Christ bin. Aber die Idee eine lange Strecke komplett zu Fuß zur Selbstfindung zu Laufen fasziniert mich so sehr, dass ich das gerne auch mal irgendwann machen möchte. Mit der gleichen Idee hat sich auch Hape Kerkeling auf den Weg gemacht um 800 km zurückzulegen...
Hape war für mich eigentlich der Faktor, der mich etwas skeptisch werden ließ. So sehr ich auch sein Talent als Komiker respektiere, ist sein Humor einfach nicht meiner und so richtig lachen kann ich nur selten über seine Sketche. In dem Buch (was ich hier mal als Synonym für das Hörbuch wähle, da die Fassung nur wenig gekürzt ist) lernen wir einen ganz anderen Hans-Peter kennen. Zwar immer noch amüsant und mit Witz, aber auch mit viel Einsicht und einem wirklichen Händchen für Beschreibungen und Metaphern. Dazu kommt, dass er eine sehr angenehme Erzählstimme hat und man von dem Erzählten direkt mitgenommen wird auf die Reise in das weitentfernte Santiago de Compostela. Hape startet seine Reise als recht untrainierte "Moppel" (Eigenzitat) und schon nach wenigen Tagen ist er sich nicht sicher, ob das eine gute Idee war und was er überhaupt mit dieser Reise erreichen will, wo er doch nicht mal katholisch ist. Man erlebt mit ihm den Pilgeralltag zwischen kaputten Knien, Wassermangel und überfüllten Herbergen (die er dann ganz schnell gegen Hotels tauscht) und mit den Kilometern wird der Sinn der Reise konkreter. Es ist die Suche nach sich selbst und auch nach dem Gott, den er aber auch als spirituelles Wesen sieht, fern ab jeder Konfession oder Religion. Die Weg, der "Camino", führt einen an die eigenen Grenzen und dorthin wo man sich selber nicht zu gehen traut, in die eigenen Abgründe und zu den eigenen schwachen Stellen. Das alles erzählt Hape Kerkeling in so einer Intensität, als wäre man schon jahrelang mit ihm befreundet. Er begegnet anderen Pilgern auf der Reise die alle ihren Teil zu seiner Selbstfindung beitragen ohne es wirklich zu wissen. Wunderschön und prägend sind mir seine Vergleiche zu "Warum ist der Unterschied zwischen spiritueller Selbsterfahrung und Religion so gross" und "Wer oder was ist Gott", die ich warscheinlich noch häufig zitieren werde.
Ähnlich bewegend fand ich bisher nur Tom Browns Bücher über seine Selbstfindung:
The Tracker,
The Search und
Grandfather
Nur ein ganz geringer Teil des Buches widmet sich seinem Leben ausserhalb des Weges und dient auch mehr zur Auflockerung, als zur Selbstdarstellung. Der Mensch Hape soll einem damit etwas "bekannter" gemacht werden und keine Biographie geschrieben werden.
Die Bildzeitung hat aus dieser Selbsterfahrung in ihrer unnachamlichen Art ein Schlagzeilen Feuerwerk produziert, dass eigentlich nur zeigt, das sie es nicht verstanden haben worum es hier geht. Man wollte auf den Bestseller-Zug aufspringen und hat sich nicht mal die Mühe gemacht, das Buch zu lesen..
Die knapp acht Stunden gehen rasend schnell an einem vorbei und ich fand es fast schade, dass der Weg in Santiago de Compostela sein Ende fand und damit auch seine Erzählung. Wer Interesse an Reiseerzählungen hat oder sowieso den Jakobsweg spannend findet, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Aber selbst wenn nicht, ist die Erzählung so spannend und unterhaltsam, dass man auch ohne Interesse an spirituellen Themen keine Langeweile haben wird, sich aber vielleicht eine bisher unbekannte Tür auftun wird.
HAPE KERKELING
Titel: „Ich bin dann mal weg - Meine Reise auf dem Jakobsweg“
Buch 19.90 EU
Hörbuch: 448 Minuten / 6 CDs 21,97 EU
Hape selbst zu dem Buch als MP3:
Es ist ein Tagebuch (MP3)
Was suchen die Menschen? (MP3)
Meine Motivation (MP3)
Das Fazit (MP3)
Gibt es ein Erfolgsrezept? (MP3)
Zur Kampagne der Bildzeitung (MP3)
Zum Hörbuch (MP3)