Rezensionen gibt es reichlich in meinem Blog, aber diese ist etwas anders. Weniger inhaltlich, sondern von der Motivation her.
Wenn es ein Buch in diesem Jahr gibt, dass man gelesen haben sollte, dann dieses! Noch wichtiger: Möglichst viele andere auf "Little Brother" hinweisen und zum Lesen bringen. Bei Little Brother meine ich wirklich
LESEBEFEHL! Auf das Warum komme ich später zu sprechen, erstmal zum klassischen Teil der Rezension.
Doctorow (bekannt von
BoingBoing) schreibt SF, die die heutige Entwicklung ein paar Jahre in die Zukunft konsequent weiterdenkt und spannende Szenarien entwickelt. Seine Zielgruppe waren bisher die Leser, die auch gefallen an BoingBoing hätten/haben. "Little Brother" hat eine ähnliche Grundannahme des Szenarios, bei einer anderen Zielgruppe. Der Roman ist für Jugendliche geschrieben und findet sich zur Zeit in den US-Läden eher neben Harry Potter, als Isaac Asimov. Das bedeutet aber nicht, dass er für "Erwachsene" langweilig ist. Ganz im Gegenteil.
Handlung (fast) komplett ohne Spoiler.
Marcus ist Schüler der High School in San Francisco, ein 16-jähriger Geek, der seinen Schulcomputer gepimpt hat, zockt und mit seinen Kumpel abhängt. Ein ganz normales Kid unserer Zeit. San Francisco wird von einem Bombenanschlag erschüttert, bei dem Marcus mit seinen Freunden dummerweise in der Nähe des Anschlagsortes ist. Die
Homeland Security übernimmt und buchtet die Freunde erstmal an einem unbekannten Ort ein. Sie werden einer "Befragung" unterzogen, nach fünf Tagen endlich freigelassen, stehen aber weiter unter Beobachtung. Wie schon fast Usus nach einem Anschlag: Den Politikern fallen immer neue Ideen ein, wie man "sicherer" (=kontrollierter) leben kann. Marcus kann nicht verstehen, warum alle Erwachsenen diese Einschränkung der Freiheit so kommentarlos hinnehmen und nimmt den Kampf gegen die Homeland Security auf....
Little Brother ist spannend geschrieben und man kann manchmal kaum erwarten auf die nächste Seite zu kommen. Die Mittel im Kampf gegen die Homeland Security sind natürlich klar: Hacks, Streiche und viel Kreativität. Doctorow bemüht sich, die genutzten Techniken auch einem Nicht-Geek zu erklären, was ihm auch gut gelingt. Sehr selten verliert er sich mal in der Erklärung, was vielleicht den einen oder anderen Nicht-Techie einen Moment lang langweilen könnte.
Was das Buch aber zu dem Lesebefehl des Jahres macht, ist die Beschreibung der "neuen Sicherheit" und ihre Folgen für die Bevölkerung. Überwachung, Bespitzelung und eine Grundstimmung von Angst durch die Regierung. Man lernt eine Menge über mögliche Gegenmaßnahmen, aber auch über die Bürgerbewegung der 60er Jahre und wie sehr sich die Situation ähnelt.
Erhältlich ist "Little Brother" bei
Amazon (11,45 EU Hardcover) und auf Corys Webseite als
kostenloser Download.
Wann das Buch auf deutsch erscheint ist mir nicht bekannt, mit Sicherheit wird bei der Ausgabe aber mal wieder das Wortspiel des Titels (Little Brother - Big Brother) verloren gehen. Hoffentlich wird der Roman bald übersetzt.
Und wer mir nicht glaubt, dem lege ich das Zitat von
Neil Gaiman über das Buch noch mal ans Herz:
"I'd recommend Little Brother over pretty much any book I've read this year, and I'd want to get it into the hands of as many smart 13 year olds, male and female, as I can."
Mit dem heutigen Tag hat Herr Schäuble die arme Iustitia arbeitslos gemacht, denn das BKA hat nun fast unendliche viele Rechte zur Überwachung. Prüfte vorher ein Richter (dieses lästige Ding mit der Gewaltenteilung) was und wie an Beweisen genutzt werden
Aufgenommen: Jun 04, 19:52