Nun ja...
Also mal ganz davon abgesehen, dass Goethe, Schiller und Co die von unseren Orthographierittern gerne ins Feld geführt werden, auch in einer komplett anderen Orthographie geschrieben haben und wie
Sebastian treffend bemerkt, es den
Kids am Arsch vorbei geht ob die FAZ nun alt oder neu schreibt, kann ich mittlerweile nur noch mit dem Kopf schütteln bei solchen Agitatoren. Ich finde es ja wirklich klasse, wenn man sich für etwas einsetzt... nur warum nicht was sinnvolles, was nicht den eigenen Intellekt übersteigt. Warum denkt eigentlich jeder, nur weil er auch Schreiben kann ist er auch gleich Fachmann auf diesem Gebiet. Ich kann auch Autofahren, werde mich aber dennoch nicht an das Design eines neuen Formel-Eins-Boliden wagen. Klar kann man über die Regeln selbst - die verblüffend wenige sind, wenn man den Hype mal weglässt - trefflich diskutieren. Aber eines verkennen die Orthoritter total: Den Zusammenhang zwischen Sprache, Gesellschaft und Schrift.
In Zeiten einer Reform wird dieser wieder deutlich und ist den Wenigsten bekannt. Der Duden gibt die Rechtschreibung nicht vor, sondern bildet sie ab. Man schaut dem Volk auf's Maul und beobachtet welche Schreibweise neuer Wörter sich durchsetzt, als sehr aktuelles Beispiel die Schreibweise des Wortes E-Mail oder der Begriff "Woot", der in das Oxford Dictionary aufgenommen wurde.
Die Aufgabe der Schrift ist es die Sprache als Zeichen abzubilden, nicht mehr und nicht weniger. Sie ist Hilfsmittel und Werkzeug, daß gesprochene Wort auf Papier zu bannen. Kann sie diese Aufgabe nicht erfüllen, so muss radikal gegen "Regeln" der Schrift verstossen werden und nicht die Sprache geändert werden. Als Beispiel bietet sich Gaellisch an, eine Sprache die deutlich mehr Laute kennt, als wie wir sie mit unserem lateinischen Alphabet abbilden könnnen. Also muß man die Laute nachbilden durch komplizierte Buchstaben kombinationen auf Papier bringen. Mairéad liest sich schwierig, ist aber auch nichts anderes als die gaelische Version von Marie.
Genau diesen Gedanken hatte man der Reform im Hinterkopf, man musste die Schrift und ihre Regeln wieder an die Sprache anpassen. Eine Schriftsprache die nicht dem Volk gehört endet irgendwann wie Latein, es wird nur von wenigen gesprochen und ist vor lauter Regeln nicht mehr sprechbar. Es gibt eine natürliche und historisch gewachsene Reihenfolge der Abhängigkeiten:
Gesellschaft - > Sprache -> Schrift
Die Sprache bildet ab, was die Gesellschaft ausdrücken möchte und schafft neue Wörter, vergisst alte. Die Schrift bildet diese Sprache auf Papier ab, um sie ausserhalb des Gehörten zugänglich zu machen.
Die Orthoritter sehen aber nur ihre heiligen Regeln und offenbaren sich damit als Bürokraten reinsten Wassers. Sie stellen diese Abhängigkeit auf den Kopf und möchten das Pferd von hinten aufzäumen: Schrift-Sprache-Gesellschaft.
Liebe Orthoritter bevor ihr das nächste mal wieder in euren Kreuzzug reitet, tut mir einen Gefallen und macht erst mal das, was ihr immer anmahnt. Lest 'nen Buch und wo ihr gerade dabei seit, versucht es mal hiermit:
Fischer, Steven R. (2003):
Eine kleine Geschichte der Sprache. Dtv
Robinson, Andrew (2004):
Die Geschichte der Schrift. Patmos
Insbesondere das erste Buch kann ich nur empfehlen und für die Orthoritter auch die weiterführenden Literaturangaben.
Mir ist bekannt, daß ich selber eine Orthographie und Kommasetzung wie eine Wildsau habe. Das liegt in erster Linie an meiner hohen Tippgeschwindigkeit (die einer guten Tippse Konkurenz macht), Faulheit den Text später noch mal zu lesen und einer leichten Schwäche.
1) Name von der Redaktion zum Insider Gag geändert