Herbst/Winter ist Lesezeit (also noch mehr als sonst), deswegen hagelt es hier gerade Rezensionen.
Vor genau 30 Jahren schrieb Ernest Callenbach ein Buch, genauer einen "What If"-Roman mit dem Titel Ecotopia. Erzählt wird von einem alternativen Amerika. Das was mal Kalifornien war, hatte sich vom Rest der USA abgespalten und einen eigenen Staat gegründert mit dem Namen Ecotopia. Lange gab es keine offiziellen oder diplomatischen Kontakte zwischen den USA und dem kleinen Staat am Pazifik. Man wolle eine alternative Lebensform finden sagten die Staatsgründer und schotteten sich von der Aussenwelt ab. Nun, nach 20 Jahren, schicken die USA einen ersten Unterhändler, aber damit es nicht gleich zu diplomatischen Problemen kommt, wird ein Journalist mit der Aufgabe betraut. Offiziell soll er sich über das Leben in Ecotopia erkundigen und Artikel darüber schreiben. Inoffiziell soll er wirtschaftliche Resourcen, militärisches Potential und Machtstrukturen auspionieren. Das Leben in Ecotopia ist aber gänzlich anders, als er es erwartet...
Geschrieben ist das Buch in Form von kurzen Artikeln, die der Protagonist an seine Zeitung schicken will, unterbrochen von Fragmenten aus seinem Tagebuch. So behandelt jedes Kapitel eine andere Fragestellung in Ecotopia: Wie steht es um die Gleichberechtigung, Verkehrssysteme oder die Wirtschaft. Anfänglich kann er nur wenig mit der anderen Lebensart anfangen, begreift aber immer mehr den Weg Ecotopias, aber auch deren Gefahren und Probleme.
Heute lesen sich viele von Callenbachs Visionen einer alternativen ökologischen Gesellschaft gar nicht mehr so visionär, aber das ist einer der Punkte die das Buch interessant macht. Die Ideen der Mülltrennung ist für uns heute Realität und Gewohnheit, in den 70ern ein Konzept, dass als nicht realisierbar galt. Das gleiche gilt für erneuerbare Energiequellen, ökologische Landwirtschaft oder regionale Wirtschaftskonzepte. Andere Realitäten aus Ecotopia sind immer noch visionär, das gilt besonders für die soziale Veränderungen, die Callenbach beschreibt. Ecotopia hat sich zu einer Gesellschaft entwickelt, die sich an Stammesstrukturen orientiert. Hier atmet das Buch noch deutlich den Geist der 70er Jahre, freie Liebe und Kommunen sind Vorbilder. Gewalt ist in Ecotopia kein Problem, man hat eine Form gefunden mit diesem menschlichen Trieb umzugehen. Es werden regelmässig grosse Schlägereien veranstaltet in der sich die Menschen abreagieren können, auf diesen Errungenschaft ist Ecotopia zwar nicht stolz, aber sie funktioniert.
Heutige alternative Gesellschaften (z.Bsp. der Freistaat
Christiania) können solche gefestigen "anderen" sozialen Strukturen (noch) nicht aufweisen. Aber die Stammeskultur ist dennoch tief im Menschen verankert, gerade in Notsituation wird sie zur normalen sozialen Struktur (aktuelles Beispiel war New Orleans:
French Quarter Holdouts Create 'Tribes') und wenn man dem Buch des Lakota Vine Deloria glaubt, ist die Stammestruktur das einzige was die Menschheit vor dem Untergang bewahren wird (Vine Deloria:
Nur die Stämme werden überleben. Lamuv).
Das Buch war ein grosser Erfolg und Callenbach kehrte noch mehrfach zurück in seinen utopischen Staat. Anlässlich des 30sten Geburtstages Ecotopias gab der Autor ein interessantes Interview:
The Man Who Invented Ecotopia -Author Ernest Callenbach talks about localism, the future, and the state of Ecotopian ideals.
Durch den Aufbau in viele kleine Artikel eignet sich Ecotopia hervorragend als Lektüre zwischen durch. Wer Spaß an What-If Geschichten hat und dazu ein Interesse an Umweltschutz und verwandten Themen, dem sei das Buch ans Herz gelegt, zu mal es das Buch auch als günstige Reclam-Ausgabe gibt.
Ernest Callenbach
Ecotopia
Englisch bei Bantam Books
Deutsch bei Reclam